Textfeld: anders zu führen wünschen? Tolle diskussionswürdige Konstellation und liebenswerte Lösung. 
Emmanuel Carrère: Der Widersacher / Matthes & Seitz 
Ein Mann ermordet seine Eltern, Frau und Kinder, sein Selbstmord missglückt. Beim Prozess kommt heraus, dass seine Vita eine einzige Lüge ist. Im Gefängnis versucht er seine Tat religiös zu überhöhen. Der Autor, ein Philosoph, macht aus der wahren Geschichte einen literarischen Tatsachenroman und erforscht das Böse, den Satan, den Widersacher
Juli Zeh: Neujahr / Luchterhand 
Bei einem Radausflug in Lanzarote wird ein mit seinem Leben hadernder überlasteter Familienvater konfrontiert mit einem verdrängten Kindheitstrauma. Ein äußerst lesenswerter Diskurs über das, was unser Leben bestimmt und ein flott zu lesender sehr aktueller Familienroman.
Robert Dinsdale: Die kleinen Wunder von Mayfair / Knaur 
Ein phantastischer Londoner Spielzeugladen lässt 1908 Kinderträume wahr werden und bietet einer jungen schwangeren Frau Heimat. Sie heiratet einen der beiden Söhne des Hauses, der alsbald in den Krieg ziehen muss. Und schon bald sind die Spielzeugsoldaten kein Verkaufsschlager mehr und das Haus steht vor dem Ruin. Ein wunderbarer Liebes- und Familienroman mit tragischen und magischen Elementen, der durch sein außergewöhnliches Thema besticht. 
Francesca Melandri: Alle, außer mir / Wagenbach 
Das Lieblingsbuch der Buchhändler beschreibt ein Jahrhundert italienische Familiengeschichte vor dem Hintergrund der beiden Weltkriege, der menschenverachtenden Kolonisierung von Äthiopien durch die Faschisten, der korrupten Berlusconi-Ära und der Zunahme der afrikanischen Bootsflüchtlinge. Im Zentrum des Buches stehen ein Patriarch mit drei Familien, die nichts voneinander wissen, und seine fünf Kinder mit ihren aktuellen Sorgen. Sich von 600 Seiten nicht schrecken lassen! Unbedingt lesen!
Alex Capus: Königskinder/ Hanser 
Ein sich ewig streitendes Ehepaar wird im Auto eingeschneit. Der Mann erzählt eine Geschichte, um die Zeit bis zur Rettung zu verkürzen: Zur Zeit der Französischen Revolution verliebt sich der Hirte Jakob in Marie, die Tochter eines reichen Bauern. Der Vater tut alles was in seiner Macht steht, um Jakob von Marie fernzuhalten. Er schickt ihn erst in den Kriegsdienst und dann an den Hof Ludwigs XVI. Jakobs Glück aber ist erst vollkommen, als er seine Marie nach vielen Jahren der Trennung zu sich holen darf. In diese zauberhafte Liebesgeschichte mischt sich immer wieder das streitende Ehepaar im Auto ein. Das ist gekonnt und witzig gemacht. Ein ideales Buch für jedermann, als Geschenk uneingeschränkt zu empfehlen.
Christina Dalcher: Vox / S. Fischer 
Als die USA von den Bibeltreuen regiert wird, erhalten alle Textfeld: Christian Berkel: Der Apfelbaum: Ullstein
Die Geschichte einer jüdischen Familie mit drei außergewöhnlichen eigensinnigen Töchtern, die den Weltkrieg an verschiedenen Brennpunkten Europas erleben. Der bekannte Schauspieler-Autor hat ein Talent zum kunstvollen Schreiben.
Betty Smith: Ein Baum wächst in Brooklyn / Insel TB
1912 in Williamsburg /New York, eine 11jährige will unbedingt Schriftstellerin werden und scheitert  - aber nur fast - an Armut, Bildungsferne und einer verrückten Familienkonstellation. Warmherzig und faszinierend ist dieser 600-Seiten-Klassiker, der 1944 mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet wurde.
Dörte Hansen: Mittagsstunde / Penguin
Ein Mann kehrt zurück in sein Heimatdorf hinterm Deich und versucht zu ergründen, was der Untergang der bäuerlichen und dörflichen Struktur mit den Menschen gemacht hat. Er kümmert sich um seine kranken Eltern und gelangt zur Klarheit über sein eigenes verpfuschtes Leben. Ein wunderbar melancholischer Abgesang mit liebenswertem Personal, das geprägt ist von der kargen Geestlandschaft und dem Platt, das mit sparsamsten Worten so viel sagt. Lesen! 
Celeste Ng: Kleine Feuer überall / dtv
Als eine freiheitlich denkende Künstlerin und ihre halbwüchsige Tochter  auf die Idylle einer Kleinstadtfamilie trifft, lodert es in vielerlei Beziehung. Ungeahnte Konflikte brechen auf und nichts ist mehr wie es war. Ein tolles Buch über Mütter und Töchter, Planung gegen Chaos, künstlerische Freiheit gegen angepasste Bourgeoisie. 
Anna Katharina Fröhlich: Rückkehr nach Samthar / Beck 
Eine junge Frau frischt ihre Kindheitserinnerungen an das Leben am Hof eines Maharadschas auf und erlebt den Einbruch der Neuzeit in traditionelle Lebensweise. Poetische sinnenanregende Sprache, faszinierende Psychogramme und eine wahre Geschichte um die Rätsel Indiens.
Jardine Libaire: Uns gehört die Nacht / Diogenes TB 
Ein reicher Upperclass-Student und eine arme lebenserfahrene Kindfrau sind in Obsession und Hörigkeit verstrickt. Hat ihre wachsende Liebe eine Chance, ihrer Umwelt zu trotzen? Provozierender sexbetonter Liebesroman, den man mit wachsender Faszination liest.
Bernard MacLaverty: Schnee in Amsterdam / Beck 
Ein altes Ehepaar reist auf Wunsch der Frau nach Amsterdam. Dort scheint sie den Sinn des Lebens suchen und ein altes Versprechen einlösen zu müssen, während für ihn der heimliche Alkoholgenuss immer wichtiger wird. Hat eine Ehe noch eine Chance, wenn beide ihr Leben

Aktuell gelesen

Textfeld: Frauen und Mädchen ein Kontingent von 100 Wörtern pro Tag. Ansonsten Stromschlag! Sie dürfen nicht mehr arbeiten und lernen nur, den Männern den Haushalt zu führen. Doch die Heldin – eine Spezialistin für Sprachstörungen – darf ihre Forschungen fortsetzen, weil der Bruder des Präsidenten ihrer Hilfe bedarf. Doch sie durchschaut alle finsteren Pläne und schmiedet ein Komplott. Als Thriller ist der Roman eindeutig besser als ein emanzipatorischer Frauenroman, der leider einige gute Chancen verschenkt.
Michael Ondaatje: Kriegslicht / Hanser  
In den Wirren nach dem 2. Weltkrieg lässt ein Ehepaar ihre beiden halbwüchsigen Kinder allein in der Obhut seltsamer (krimineller?) Männer zurück. Man arrangiert sich und die Kinder erleben ein aufregendes Abenteuer nach dem anderen. Plötzlich kehrt die Mutter zurück und man lebt ein zurückgezogenes Leben auf dem Land. Nach dem Tod der Mutter erforscht der Sohn ihr Leben als Spionin im kalten Krieg. Mir hat der erste Teil supergut gefallen, der Spannungsbogen bei der Spurensuche fällt leider ab. 
Gabriel Tallent: Mein Ein und Alles / Penguin 
Achtung Hardcore! Die 14jährige Turtle wächst weltabgeschieden in den nordkalifornischen Wäldern auf. In der Natur sucht sie Zuflucht vor der besitzergreifenden Liebe ihres charismatischen und schwer gestörten Vaters. Erst als sie wahre Freundschaft erfährt, öffnet sich langsam ihre enge Welt. Aber der Vater will seine Tochter nicht loslassen. Missbrauch, obsessive Hassliebe und psychische Grausamkeit  inmitten der Schönheit der Natur ist nichts für schwache Nerven. Trotzdem eine Leseempfehlung für psychologisch Interessierte. 
Stephan Thome: Gott der Barbaren / Suhrkamp
Eine wahre überbordende Geschichte über einen chinesischen Bürgerkrieg im 19. Jhd., der 20 Millionen Toten forderte.  Eine christliche Sekte gewinnt zunehmend Anhänger und rebelliert gegen die Truppen des Kaisers. Auch die Engländer mischen mit Alle Parteien wähnen sich auf der Seite der Guten und morden im Namen ihrer Religion. Das ist mehr als aktuell. Toll recherchiert, aus wechselnden Perspektiven auf 600 Seiten super geschrieben. Mehr Herz und Schmerz hätte aber zu lustvollerer Lektüre angeregt.

 

Mein Buch

des Monats:

            

               Christian Berkel

Der Apfelbaum

 

  Ullstein Verlag

Textfeld: Literatur-Lesung: hören und genießen        Ulrike Wolz       85591 Vaterstetten        08106/7255       ulrike.wolz@onlinehome.de

Seite 1